Die richtige Reihenfolge ist wichtiger ist als das neueste LLM! Bevor du einen KI-Agenten auf…
Wir diskutieren und regulieren.
China macht!
Ich wollte mir selbst ein Bild machen – 3 Wochen, 6 Städte, hier ist was ich gesehen habe.
Es ist irgendwann am Nachmittag in Peking. Wir stehen im ersten Stock, wollen zum 25. Die Lifttür geht auf – und ein Putzroboter steigt ein. Er fährt mit bis zum 20. Stock, die Tür öffnet sich – aber er steigt nicht aus. Er fährt weiter mit uns hoch, bis zum 25., steigt dort aus und verschwindet im Flur. Wahrscheinlich hat er dort noch Arbeit.
Das war der Moment, in dem mir klar wurde: Hier ist Robotik kein Thema für Konferenzen. Sie ist Alltag.
AliPay: Ohne das läuft nichts
Bevor man über Roboter redet, muss man über AliPay reden. Die App ist das Fundament. Bezahlen, Taxibestellung, Tickets – wer AliPay nicht hat, hat in China ein Problem. Wer es hat, merkt sehr schnell, wie reibungslos ein bargeldloses System funktionieren kann, wenn es wirklich konsequent durchgezogen wird.
Bargeld ist in den Städten praktisch inexistent. Nicht selten, nicht unüblich – inexistent. Ein Taxifahrer ohne AliPay-Terminal? Kein Problem. Das Geld wird einfach per App von Handy zu Handy transferiert. Direkt, ohne Umweg. Das Bezahlsystem in China ist so tief integriert, dass es aufhört, Technologie zu sein, und einfach Infrastruktur wird.
Wer das aus Europa kennt, denkt vielleicht: Na und, wir haben auch Kreditkarte. Stimmt. Aber das Niveau der Integration – jeder Marktstand, jeder Taxifahrer, jedes Lokal, jede Privatperson – ist eine andere Dimension.
Mobilität: Alles elektrisch, alles vernetzt
In Shenzhen ist BYD omnipräsent. Die Taxiflotte ist seit 2019 praktisch komplett elektrisch – über 21.000 Fahrzeuge. Leise, sauber, und man merkt es sofort wenn man durch die Stadt fährt: Es ist deutlich stiller als in europäischen Städten. In Kombination mit Didi, dem chinesischen Uber, kommt man problemlos von A nach B. App auf, Ziel eingeben, fertig.
Das Highlight war aber eindeutig das Robotaxi. Pony.ai in Shenzhen. Bestellung per App, genau wie Didi. Das Fahrzeug kommt, man öffnet die Tür über „Unlock“ in der App, steigt ein – und vorne sitzt niemand. Das Lenkrad bewegt sich. Die Ampeln werden beachtet. Der Stadtverkehr wird navigiert. Und das faszinierende daran: Nach fünf bis zehn Minuten fühlt es sich normal an. Nicht aufregend, nicht beängstigend. Normal. Wie ein Taxi. Nur eben ohne Fahrer.
Bei uns diskutiert man gerade, ob autonome Fahrzeuge auf bestimmten Autobahnabschnitten zugelassen werden könnten. In Shenzhen fahren sie durch den regulären Stadtverkehr.
Die Bahnhöfe: groß, eindrucksvoll, und man bekommt sehr viele Menschen sehr schnell abgefertigt. Zugang nur mit Pass-Scan. Ticket braucht man keines – läuft alles über den Reisepass, bei Chinesen per ID. QR-Code habe ich selten jemanden zeigen sehen. Die Züge fahren bis zu 350 km/h. Eine Strecke von ca. 8 Stunden – auf die Minute pünktlich. Sobald man das System verstanden hat, ist es eigentlich unkomplizierter als bei uns.
Robotik: Vom Showroom bis zur Expo
In Shenzhen gibt es einen Robotics Showroom. Kein Museum – ein Verkaufsraum. Man kann dort einen humanoiden Roboter kaufen. Laut Verkäufer ab ca. 25.000 Euro. Der Roboter gibt auf Wunsch auch eine Tanzvorführung. Ich habe dort auch zum ersten Mal ein Exoskelett ausprobiert. Ergebnis: eher bescheiden.
Das bessere Exoskelett habe ich dann im Sci-Tech Museum in Shenzhen getestet. Meine Schätzung: 20 bis 30 Prozent Kraftersparnis. Das Museum selbst war der eigentliche Hammer – interaktiv, modern, weit weg vom klassischen Glaskasten-Museum mit Verbotsschildern. Einige Highlights:
- Robodog (vergleichbar mit Boston Dynamics) – Kinder haben sehr natürlich darauf reagiert, nicht ängstlich, eher neugierig. Was interessant ist.
- Robotergestütztes Lager als Nachbau – begehbar, interaktiv
- MRT-Scanner in Originalgröße – man legt sich rein und probiert es aus
- Microsurgery-Station – mit echten Instrumenten, die man selbst bedienen kann
- 3D-Notebook-Monitor – erstes Mal live gesehen, funktioniert tatsächlich
Und dann, zufällig, habe ich im Museum die neueste Generation humanoider Roboter gesehen – wie sie gemeinsam mit menschlichen Tänzern eine Choreographie geprobt haben. Die Bewegungen waren beeindruckend menschenähnlich, fließend, kaum von echten Tänzern zu unterscheiden. Und dann musste die Probe unterbrochen werden, weil sich die Gummisohle eines Roboters gelöst hatte, er ins Stolpern geriet und jemand mit Sekundenkleber anrücken musste. High-Tech auf der einen Seite – Schuhsohle mit Sekundenkleber auf der anderen. Das ist der aktuelle Stand der Dinge, und das ist völlig okay so.
Noch beeindruckender war, was direkt danach passierte: Humanoide Roboter, die sich zwischen den Besuchern bewegten – über den Platz vor dem Museum, durch die Halle, zwischen den Zuschauern. Keine Absperrung, kein Sicherheitsbereich. Einfach mittendrin.
High-Tech-Expo 2026
Das absolute Highlight in Sachen Robotik war die High-Tech-Expo 2026 in Peking. Kein einziger Aussteller ohne KI, Roboter oder VR. Alles entweder marktreif oder kurz davor:
- Robo-Dogs zum Aufspüren von Gaslecks – oder als Erntehelfer beim Reben pflücken
- Humanoide Roboter in allen Größen und Ausführungen
- Ein Roboterarm, der Cappuccino macht – bereits vertrieben, Bezahlung per AliPay, Produktauswahl per Touchscreen
- Massageroboter im aktiven Einsatz
- Einen tragbaren LIDAR-Scanner – Anwendungsfall mir noch nicht ganz klar, wird aber schon verkauft
Auffällig an der Expo: Kaum ein Aussteller hat Englisch gesprochen. Der Fokus liegt klar auf dem chinesischen Heimmarkt. Auslandsmärkte scheinen gerade keine Priorität zu sein. Das ist eine Beobachtung, über die es sich lohnt nachzudenken.
Ein Detail aus der Expo, das mich beschäftigt hat: Die Stärke Chinas bei der Elektromobilität – BYD, CATL, die gesamte Batterie- und Motorenlieferkette – fließt direkt in die Robotik. Motoren, Batterien, Aktuatoren, Sensoren – viele Komponenten sind dieselben. China kontrolliert laut Branchenanalysen rund 70 Prozent der globalen Lieferkette für Humanoide. Was in E-Autos steckt, steckt morgen in humanoiden Robotern. Das ist kein Zufall, das ist Strategie.
Ein Abstecher: Talent Park und der Bund bei Nacht
Neben dem Sci-Tech Museum in Shenzhen liegt der Talent Park. Was dort auffällt: Statuen von chinesischen Gelehrten – Li Chunfeng, Su Song – stehen direkt neben Galileo und Einstein. Im Westen wäre es mehr als ungewöhnlich, chinesische Wissenschaftler in dieser Form zu ehren. In Shenzhen ist es selbstverständlich.
Im selben Areal gibt es ein Ausstellungsgebäude, in dem High-Tech-Gadgets verkauft werden – vom 3D-Drucker über ein Bild mit integriertem Lautsprecher bis hin zu einem funktionalen Windkanal für Modellbauautos. Nicht als Konzept, sondern als Produkt, das man kaufen und mitnehmen kann.
Shanghai bei Nacht ist nochmal eine andere Geschichte. Eine Bootsfahrt bei Einbruch der Dunkelheit vor der beleuchteten Skyline des Bund – das ist einer dieser Momente wo man einfach schaut und nichts sagen muss. Die Hochhäuser leuchten, blinken, wechseln die Farbe. Kitschig und gleichzeitig beeindruckend. Und irgendwie illustriert es gut, wo diese Stadt gerade steht: voll aufgedreht.
Alltags-Tech: Die kleinen Dinge
Boarding in Shanghai: Face-ID statt Ticket. Kein Pass, kein Ausdruck, kein QR-Code. Einfach in die Kamera schauen und einsteigen.
In Shenzhen habe ich zufällig eine Chinesin kennengelernt, mit der ich mehrere Übersetzungsbrillen getestet habe. Am besten funktioniert haben die Rokid Glasses. Mein Fazit nach dem Test: Visuelle Übersetzung schlägt gesprochene Übersetzung deutlich. Was man sieht, kann man in Ruhe lesen. Was man hört, ist weg sobald man es gehört hat – dafür ist das Gehirn einfach nicht ausgelegt.
Kaffee per Drohne: In Shenzhen habe ich gesehen wie jemand per App eine Bestellung aufgibt und die Drohne direkt vor ihm landet und liefert. Ich hätte es auch nicht geglaubt, wenn ich es nicht selbst gesehen hätte.
Und der Putzroboter in Peking, der ja schon am Anfang dieses Artikels seinen Auftritt hatte – der hat sich diesen Platz ehrlich verdient.
Das Bild, das ich nicht erwartet habe
China in unseren Medien: verschmutzte Luft, graue Städte, totale Überwachung, eingeschüchterte Bevölkerung.
Was ich gesehen habe: Shenzhen, Shanghai und Peking waren extrem sauber. In Xi’an stand jemand um 5:42 Uhr früh beim Kehren der Gehsteige. In den Städten ist es bemerkenswert still, weil so viele Elektrofahrzeuge unterwegs sind. Und außerhalb der Städte – bei den Avatar-Bergen, den Yellow Mountains, in Fenghuang – sehr viel grüne, in weiten Teilen nahezu unberührte Natur. Das hat mich wirklich überrascht.
Zur Überwachung: Kameras sieht man, auf den Autobahnen gibt es regelmäßige Aufnahmen, der Reisepass wird überall benötigt. Persönlich habe ich mich nicht überwacht gefühlt. Die Bevölkerung läuft nicht eingeschüchtert durch die Gegend. Die Ampel wird von den meisten brav abgewartet – und von einigen nicht, genau wie bei uns. Die Scooter-Fahrer haben ein eigenes Regelwerk. Auch das: genau wie bei uns.
Zur oft gehörten These, dass Chinesen lieber irgendetwas erfinden als zuzugeben, dass sie etwas nicht wissen: Stimmt nicht. Alle Personen, die ich getroffen habe, waren offen, hilfsbereit und an Kommunikation interessiert. Englisch spricht kaum jemand – aber praktisch alle haben eine Übersetzungs-App installiert. Das reicht für eine vernünftige Unterhaltung.
Fazit
China ist nicht das, was unsere Medien vermitteln. Zumindest nicht das China, das ich in drei Wochen gesehen habe.
Was mich wirklich beeindruckt hat, ist nicht die einzelne Technologie – es ist die Dichte. Robotaxis im Stadtverkehr. Kaufbare Humanoide im Showroom um die Ecke. Eine Tech-Expo, bei der kein Stand ohne KI oder Roboter auskommt. Kaffeedrohnen, die vor dir landen. Das ist nicht Zukunft. Das ist 2026.
Ob man das als Chance sieht oder als Warnung – das ist eine andere Diskussion. Aber ignorieren ist keine Option.
Und für alle, die jetzt überlegen, ob China ein schwieriges Reiseziel ist: Es ist deutlich entspannter als gedacht. Die Leute sind freundlich, die Infrastruktur funktioniert, und nach drei Wochen sage ich: Ich würde sofort wiederkommen.
In einem Satz: China ist moderner, grüner und freundlicher als gedacht – und in Sachen Technologie sind sie uns in vielen Bereichen deutlich voraus.
Hinweis: Dieser Artikel gibt meine persönlichen Eindrücke aus drei Wochen China wieder (April–Mai 2026). Kein Anspruch auf Vollständigkeit oder politische Analyse – nur das, was ich selbst gesehen und erlebt habe.
